Von schlechten Eltern – Ein Treffen mit den Kindern der Stasi (fluter)


Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR schadeten nicht nur fremden Familien, sondern oft auch ihren eigenen. Bis heute kommt die letzte Generation von Stasi-Kindern nicht mir ihren Eltern und deren Vergangenheit zurecht

Wäre er wie sein Vater und seine Mutter, dann säße er wahrscheinlich jetzt nicht hier. Arbeitslos, in einer kleinen Wohnung am Stadtrand, irgendwo in Brandenburg. Dann hätte er sich vielleicht auch einfach gesagt „Schwamm drüber“ und weitergemacht. Er hätte einen guten Job, Geld, und vielleicht auch ein Einfamilienhaus. Doch so einer ist Thorsten Richter eben nicht. Bald sind 30 Jahre vergangen seit die DDR unterging, doch dieser Staat, in dem er seine Jugend verbrachte, lässt ihn immer noch nicht los. Thorsten Richter sagt, er könnte manchmal den Kopf in die Hände legen und heulen. Immer wieder stellt er sich Fragen, die sich heute auch viele andere Kinder von Stasi-Mitarbeitern stellen: Was haben meine Eltern angerichtet? Wurde ich von ihnen manipuliert? Es gibt Fotos, die ihn als lachenden, fröhlichen Jungen zeigen, aber er sagt, dass er sich an eine schöne Situation in seiner Kindheit eigentlich nicht erinnern kann. Kalt seien seine Eltern gewesen. Distanziert. Immer auf Höchstleistungen erpicht.

Wie alle Kinder von Stasi-Leuten wächst Thorsten Richter in privilegierten Verhältnissen auf. Die Richters verdienen überdurchschnittlich gut, leben in einer komfortablen Wohnung, haben Telefon, Auto, Wochenendhaus. „Nach außen hin musste immer alles mustergültig aussehen“, sagt er. Die Richters sind „Genossen erster Kategorie“, Vater und Mutter arbeiten genau wie sein Großvater in der „Firma“, so nannte man intern das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Mitarbeiter dieser Organisation zu werden, die die DDR gegen Innere und Äußere Feinde schützen sollte, bedeutet Teil einer Elite zu sein. Bei den Demonstrationen zum 1. Mai marschiert Thorsten Richter durch seine Heimatstadt. Die anderen winken ins Nirgendwo, aber er hat immer die Tribüne im Blick, auf der sein Opa steht. Der hat noch mit Ernst Thälmann gekämpft und erzählt mit leuchtenden Augen vom Paradies. Im Jahr 2000, verspricht der Opa, werde der Kommunismus eingeführt und das Geld abgeschafft. Jeder bekomme das zum Leben, was er braucht. „Wir haben in einer Blase innerhalb der DDR gelebt“, sagt Thorsten Richter heute. Bis zum Jahr 1989 habe er keine Sekunde lang Westfernsehen geschaut.

Der Vater ist bei den „Rückwärtigen Diensten“, hat mit Immobilien und Logistik zu tun. Die Mutter arbeitet in der Abteilung für „Kader“ und kümmert sich um das Personal. Was genau seine Familie bei der Stasi wirklich macht erfährt er nie. Die Eltern sprechen kaum darüber, denn sie sind ständiger Überwachung und Kontrolle durch den Arbeitgeber ausgesetzt, es gibt Spitzel, die nur dazu da sind andere Spitzel zu überwachen. Wird er in der Schule nach dem Beruf seiner Eltern gefragt, antwortet Thorsten Richter das, was allen Stasi-Kindern aufgetragen wird zu sagen: „Die sind beim Ministerium des Inneren angestellt.“ Natürlich ahnen seine Lehrer und Mitschüler, dass das nicht die Wahrheit ist. Sie brauchen ja nur seine Adresse zu kennen, dann ist eigentlich alles klar. In ihrem Haus, einem gerade fertig gestellten Neubau, leben ausschließlich Mitarbeiter des MfS.

Für Thorsten Richter ist durch den Beruf seiner Eltern ein Leben als Außenseiter vorbestimmt. Blättert man durch sein Familienalbum fällt auf, dass auf keinem Foto andere Kinder zu sehen sind. Spione lauerten überall, die Paranoia der Staatssicherheit machte auch vor den eigenen Kindern nicht halt. Nie darf Thorsten Richter jemanden aus der Schule zum Spielen mitbringen. Freundschaften sind für ihn Tabu. Ein einziges Mal ist er zum Geburtstag einer Klassenkameradin eingeladen. Er sei erstaunt gewesen, was für eine liebevolle und lockere Atmosphäre zwischen deren Eltern geherrscht habe, sagt er.

Manche Kinder aus Stasi-Familien begehrten auf. Sie begannen zu diskutieren und kritische Fragen zu stellen, hörten Musik aus dem Westen und suchten sich ihre Freunde und Geliebten auch gegen den Willen der Eltern aus. Die Journalistin Ruth Hoffmann beschreibt in ihrem Buch „Stasi-Kinder“ zahlreiche Jugendliche aus Thorsten Richters Generation, die den Mut aufbrachten, sich über die Verbote ihrer Familien hinwegzusetzen und dafür verstoßen und regelrecht kaputt gemacht wurden. Thorsten Richter war jedoch einer von der anderen Sorte. Er funktionierte genau so, wie es von ihm verlangt wurde. Er hatte gute Noten, trieb Sport, glaubte an den Kommunismus und das System der DDR. „Ich war ein richtiges Vieh“, sagt Thorsten Richter, wenn er alte Aufnahmen von sich sieht. Muskelbepackt, Flaum auf der Oberlippe, eine große Metallbrille wie der junge Bill Gates.

Die Stasi, „Schild und Schwert der Partei“, wächst seit ihrer Gründung im Jahr 1950 kontinuierlich. Alle zehn Jahr verdoppelt sich die Zahl ihrer Mitarbeiter. Der enorme Personalbedarf der Organisation lässt sich ab den 1970er Jahren nur noch dadurch decken, dass das MfS seinen Nachwuchs verstärkt in den eigenen Familien rekrutiert. Wer hier arbeitet, muss besser als die anderen sein. Tausendprozentig. Ohne Kontakte in den Westen, ideologische besonders gefestigt, zu bedingungslosem Gehorsam bereit.

Wenn Thorsten Richter über sich als jungen Mann spricht, klingt es manchmal, als rede über eine komplett fremde Person. In seiner Erzählung wirkt es, als sei er durchs sein Leben geschlafwandelt und irgendwann im November 1989 aufgewacht. Wie genau es kam, dass er die Familientradition fortsetzte und nicht nur er selbst, sondern auch noch seine Ehefrau Kerstin, die er mit 19 heiratete, für die Stasi zu arbeiten begann, kann er heute nicht mehr genau erklären. „Ich wollte meiner geliebten DDR etwas Gutes tun. Für den Frieden arbeiten. Die Kapitalisten mit dem Geheimdienst stoppen.“ Bei den meisten Stasi-Kindern stellten die Eltern im Hintergrund die Weichen und sorgten dafür, dass auch sie in die „Firma“ kamen.

Miriam fängt 1987 in der Abteilung Postkontrolle an, damals typische Frauenarbeit, pro Tag öffnet und liest sie 800 Briefe von DDR Bürgern. „Eine richtig kranke Sache“, sagt sie heute dazu. Thorsten ist für Höheres bestimmt, schon als jugendlicher nimmt er an paramilitärischen Lagern zur Vorbereitung auf den Eintritt in die Stasi teil. Der Ausbilder ist ein Bekannter des Vaters, die Atmosphäre familiär. Man begrüßte ihn und die anderen Anwärter mit dem Spruch: „Ihr seid Diamanten und müsst geschliffen werden.“ Als er 18 wird folgt der nächste Schritt. Er wird auf der Stasi-Hochschule in Potsdam angenommen um eine Offiziersausbildung zu machen. Thorsten lernt alle Techniken, die ein richtiger Agent braucht. Von „Zersetzung“ und Observation politischer Feinde bis hin zu Schussübungen und Selbstverteidigung. Einmal sitzt er auch in einer konspirativen Wohnung und belauscht mit einer Wanze die Gespräche der Nachbarsfamilie. Was diese Menschen nach Ansicht der Stasi verbrochen hatten und was dort geredet wurde, weiß er heute nicht mehr.

Tagebuch schrieben er und seine Frau nicht. Aber in einem Schrank in ihrer Wohnung haben sie die Briefe, die sie sich damals gegenseitig schickten, aufbewahrt. Zwei oder drei hätten sie später noch mal angeschaut, sagen sie, aber an die anderen hätten sie sich bislang nicht rangetraut. Miriam Richter holt einen Stapel aus dem Schrank. Es fällt auf, dass sie, deren Beruf es früher war, die Post anderer zu kontrollieren, ihre eigenen Briefe an den Kanten säuberlich mit Tesafilm abgeklebt hat, damit niemand sie unbemerkt öffnen kann. Miriam liest ein Paar Zeilen vor, die durchaus nicht unkritisch sind, sie beschwerte sich in ihrem Brief darüber, dass sie als Frau keine Weiterbildung machen durfte. Der Brief endet mit den Worten: „Keine Angst, ich schnappe nicht über. Meine Einstellung zu unserem Staat und meiner Arbeit ändert sich nicht. Alles kann höchstens noch besser werden.“ Beide schauen entsetzt. „Was muss in einem Kopf vor sich gehen, dass man so was Schizophrenes schreibt?“, fragt Thorsten Richter.

Da sind die Momente zaghaften Aufbegehrens. Thorsten und Miriam Richter finden wie viele andere Teenager der DDR Gorbatschow und seine Perestroika-Politik gut. Miriam heftete sich irgendwann ohne groß nachzudenken einen Gorbi-Sticker an die Jacke und wird dafür wochenlang von ihren eigenen Kollegen verhört. Als bei den Demonstrationen in Leipzig und Berlin 1989 der Ruf „Stasi raus!“ ertönt, hält Thorsten das für ein Missverständnis, das sich noch ausräumen lässt. Er will auf eine Demo fahren und dort eine Rede darüber halten, dass er und die anderen doch eigentlich gute Menschen sind, doch seine Vorgesetzten halten ihn auf.

Die Fernsehbilder von Helmut Kohl und Lothar de Maizière, die die Wiedervereinigung Deutschlands und das Ende der DDR besiegeln, verfolgt Thorsten Richter vom Fußboden aus. Er liegt einfach nur da und schüttet eine Flasche Whiskey in sich rein. Er sei nicht traurig gewesen, an diesem Tag, sagt er heute, sondern einfach nur komplett verwirrt. Konnte es sein, dass alles, an das er geglaubt hatte, falsch gewesen ist?

Die Eltern gleiten erstaunlich geschmeidig hinüber in die neue Zeit. Sie haben im Gegensatz zu ihren Kindern Geld und gute Verbindungen. Der Vater wird Therapeut in der geschlossenen Psychiatrie. Thorsten Richter selbst kommt deutlich schlechter zurecht. Das Problem ist nicht so sehr, dass er bis heute jedem Arbeitgeber ehrlich sagt, dass er drei Jahre lang bei der Stasi war. Das Problem ist eher, dass er, der als Jugendlicher niemals gegen Staat und Familie aufgemuckt hat, sich im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr länger anpassen kann oder will. Kürzlich versuchte er eine Umschulung zum Erzieher zu machen, aber das funktionierte nicht recht. Er hielt die Zustände im Kindergarten einfach nicht aus. Dort, erzählt er, sollten die Kleinen einfach nur funktionieren und zum Gehorsam gezwungen werden und dagegen habe er sich gewehrt. Die Kollegen erwiderten: „Du schleppst dauernd deine Vergangenheit mir dir rum, das hält ja kein Mensch aus!“

Thorsten Richter und seine Ehefrau engagieren sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung in der Umweltbewegung. Sie stehen an einem Stand von Greenpeace auf dem Marktplatz ihrer Heimatstadt als der Vater eines Tages mit dem Auto vorfährt. „Da seid ihr ja bei einer verfassungsfeindlichen Organisation“, sagt er. „Welche Verfassung meinst du? Redest du von der DDR?“, fragt Thorsten zurück. Sobald er versucht, über die Vergangenheit zu sprechen, machen die Eltern zu. Bis heute sagt die Mutter, „darüber rede ich nicht“, wenn er irgendwas über die Stasi wissen will.

Mitte der 1990er Jahre finden Thorsten und Miriam Richter allmählich die Kraft, sich mit ihrer Herkunft zu beschäftigen. Sie schauen Dokumentationen, lernen Opfer kennen, sind entsetzt, wie grausam die Stasi mit ihren Gefangenen umging. „Das glaubt mir ja keiner, aber ich habe das alles nicht gewusst“, sagt Thorsten Richter. „Wir waren Teil einer menschenverachtenden Maschinerie“, sagt Miriam Richter. „Das geht unser Leben lang nicht weg.“ Ob sie selber anderen Menschen geschadet haben, wissen sie nicht. Aber ausschließen, sagt Thorsten Richter, könne, er das natürlich nicht.

Seit er das Buch von Ruth Hoffmann über die Stasi-Kinder in die Finger bekommen hat, geht er ab und zu in eine Selbsthilfegruppe in Berlin und lernt dort andere Menschen kennen, denen es ähnlich ergangen ist. „Wir sind die Generation, die durch eine klare Konditionierung jede Kritikfähigkeit verloren hat. Durch den Wendeprozess, durch den Bruch, sind wir aufgewacht“, sagt Thorsten Richter. Noch immer leiden viele von ihnen unter der Erziehung ihrer linientreuen und strengen Eltern. Sie berichten von Schlägen und dem Zwang zum Gehorsam, von Einsamkeit, mangelnder Liebe und Indoktrination. Es gibt in der Gruppe auch jemanden, der Thorsten Richter dabei hilft, seine Akte von der Stasi-Unterlagenbehörde anzufordern. Das ist nicht ganz unkompliziert, kostet Geld und wird Jahre dauern. Wenn Thorsten Richter dadurch mehr über sich und seine Familie erfahren kann ist es das wert.

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